Bedeutung und Besonderheiten der Wissensarbeit
Das Schlagwort der "Wissensgesellschaft" hat den Begriff "Informationsgesellschaft" abgelöst. Aber was ist Wissensarbeit? Klar ist: Nicht jede Informationsverarbeitung ist auch Wissensarbeit. Wissensarbeit ist auch nicht gleichbedeutend mit Forschung und Entwicklung und sie findet nicht nur in den Top-Management-Positionen statt.
Deshalb lohnt es sich, zunächst den Begriff "Wissensarbeit" einzugrenzen um anschließend die Bedeutung und Anforderungen der Wissensarbeit genauer zu betrachten.
Definitionen und Abgrenzungen
- Thomas Davenport, Rektor des Babson College in Wellesley, Massachusits, USA, beschreibt Wissensarbeit wie folgt: "Wissen zu schaffen, verteilen oder anzuwenden ist nicht nur ein Teil der Aufgaben von Wissensarbeitern, sondern der Kern ihrer Tätigkeit. Oder anders ausgedrückt, denken ist ihr Lebensunterhalt ('think for a living')."
- James M. Manyika, Partner bei McKinsey, Silicon Valley, USA, grenzt die Definition weiter ein und betont die Bedeutung komplexen Erfahrungswissens ("tacit knowledge") für die Wissensarbeit. Dem stellt er Routinetätigkeiten gegenüber, die vornehmlich der Wissensverarbeitung dienen ("transactional labour").
- Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), Stuttgart, folgt diesem Ansatz und charakterisiert Wissensarbeit anhand der drei Kennzeichen "Neuartigkeit" (inhaltliche Neuartigkeit, Notwendigkeit zur Aktualisierung und Erweiterung von Wissen sowie Veränderung der Rahmenbedingungen), "Komplexität" der Aufgaben (Vielfalt, Schwierigkeitsgrad, Verantwortung und Umfang der notwendigen Kommunikation) und "Autonomie" der Arbeitsgestaltung (Einfluss auf Arbeitsinhalte, -ablauf, -ort und -zeit). (Siehe dazu auch Formen der Wissensarbeit.)
Alle drei Definitionen unterscheiden zwischen Wissensarbeit und reiner Informationsverarbeitung. Dies führt zu einer Einteilung von Arbeit in die drei Hauptgruppen "Rohstoffverarbeitende und produzierende Tätigkeiten", "Routine- und Sachbearbeitungstätigkeiten" und "Wissensarbeit".

Besonderheiten der Wissensarbeit
Kenntnisse und Erfahrungen sowie die Fähigkeit zur kreativen Nutzung dieses Wissens, sind elementare Voraussetzung für echte Wissensarbeit.
Wissensarbeit ist damit stets "Kopfarbeit". Sie entsteht aus einer Mischung aus individuellem Wissen und kommunikativem Austausch. Der eigentliche Prozess der Wissensarbeit bleibt fast immer im Verborgenen. (Vgl. dazu den englischen Begriff 'tacit work' = 'stille Arbeit'.)
Die Ergebnisse der Wissensarbeit sind nur sehr selten direkt messbar. Vielmehr zeigt sich der Erfolg der Wissensarbeit fast immer mit zeitlicher Verzögerung als Teil von Zahlen und Ereignissen, die wiederum nur schwer einzelnen Personen oder Aktivitäten zuzuordnen sind.
McKinsey mahnte daher schon im Jahr 2005, dass die Steigerung der Effektivität von Wissensarbeit weit schwieriger zu errichen sei als Effizienzsteigerungen in der Produktion und bei reproduktiven Tätigkeiten. Unproduktive Wissensarbeiter könnten sich, so die Einschätzung der US-amerikanischen Experten, zu einem entscheidenden Kostennachteil für betroffene Unternehmen entwickeln. Andererseits lägen in der Wissensarbeit auch große Chancen und Wettbewerbsvorteile für innovative Unternehmen.

Bedeutung der Wissensarbeit
Die Bedeutung der Wissensarbeit nimmt in den hoch entwickelten Volkswirtschaften immer weiter zu. Ursache dafür sind
- die Verlagerung von Produktion und Routinetätigkeiten (wie Administration, Call Center etc.) zu externen Dienstleistern bzw. in Länder mit geringerem Lohnniveau,
- Rationalisierung bei Routinetätigkeiten durch IT-Einsatz und Verlagerung von Funktionen zum Kunden (z. B. Dateneingabe bei Online-Bestellungen).
Im Jahr 2006 waren bereits 41 Prozent aller Arbeitnehmer in den USA "Wissensarbeiter". Nur noch 15 Prozent der US-amerikanischen Beschäftigten waren in den Bereichen "Rohstoffverarbeitung und Produktion" tätig und 44 Prozent verrichteten "Routine- und Sachbearbeitungstätigkeiten" in Verwaltungen, als Servicekräfte oder im Gesundheitswesen.
Die Verlagerung zu mehr Wissensarbeit verläuft langsam aber stetig. Am deutlichsten wird dies anhand der Verteilung neu geschaffener Stellen. Von 1998 bis 2004 entfielen 70 Prozent der neu geschaffenen Stellen in den USA auf "Wissensarbeit" und nur 30 Prozent auf "Routine- und Sachbearbeitungstätigkeiten".
In Deutschland lag der Anteil der "Wissensarbeiter" im Jahr 2006 erst bei 37 Prozent. In den Bereichen "Rohstoffverarbeitung und Produktion" arbeiteten noch 25 Prozent aller Arbeitnehmer, mit "Routine- und Sachbearbeitungstätigkeiten" waren 38 Prozent der Beschäftigten betraut. Aber auch hier gewinnen die verschiedenen Formen der Wissensarbeit an Bedeutung.
Quelle: Bureau of Labour Statistics, Washington, USA – zitiert nach McKinsey Quarterly 2005 No. 4 und Fraunhofer IAO

Mischformen von Wissensarbeit und Routinetätigkeiten
Die Übergänge zwischen Routinetätigkeiten und Wissenarbeit sind fließend.
- Selbst Wissensarbeiter in Führungspositionen oder FuE-Abteilungen verrichten Routinetätigkeiten – und sei es nur das Ausfüllen von Antragsformularen oder das Vorbereiten einer Reisekostenabrechnung.
- Andererseits können und müssen auch Personen, die Informationen in Routinetätigkeiten verarbeiten "kreativ" werden, um gelegentliche "Sonderfälle" zu bearbeiten oder ihre Arbeit effizient zu organisieren.
In den oben zitierten Erhebungen des Bureau of Labour Statistics erfolgte die Zuordnung zu "Wissensarbeit" und "Routine- und Sachbearbeitungstätigkeiten" daher an den üblichen Aufgabenschwerpunkte einzelner Berufsgruppen. Eine gewisse Unschärfe der Abgrenzung und damit der statistischen Daten ist dennoch unvermeidlich.

Formen der Wissensarbeit
Obwohl bereits die Abgrenzung von Wissensarbeit und Routinetätigkeiten nicht immer einfach ist, ist es sinnvoll, innerhalb der Gruppe der Wissensarbeiter verschiedene Typen zu unterscheiden. Denn wer fast ständig mit neuen und komplexen Aufgaben betraut ist und weitgehend selbständig entscheidet braucht mehr Freiräume und ein anderes Arbeitsumfeld als Personen, deren Tätigkeiten zwar komplex sind, sich aber immer wieder ähneln, und deren Entscheidungsspielraum begrenzt ist.
Das Fraunhofer IAO unterscheidet daher vier Arten von Wissensarbeit, die im Folgenden kurz beschrieben werden:
- Typ A: Erfahrung und Wissen spielen bei diesen Tätigkeiten eine wichtige Rolle. Innerhalb der Gruppe der Wissensarbeiter sind die Anforderungen durch Neuartigkeit und Komplexität der Aufgaben in dieser Gruppe jedoch am geringsten. Auch der Grad der Autonomie ist nur begrenzt bzw. in durchschnittlichem Maße gegeben. Diese Form der Wissensarbeit trägt noch deutliche Züge klassischer Routine- und Sachbearbeitungstätigkeiten.
- Typ B: Zu dieser Gruppe zählen Personen, deren Aufgaben überdurchschnittlich komplex sind und denen dafür ein hoher Grad an Autonomie zur Gestaltung ihrer Arbeit eingeräumt wird. Sie benötigen ein hohes Maß an Kenntnissen und Erfahrung. Der Grad der Neuartigkeit bewegt sich – im Vergleich der verschiedenen Formen der Wissensarbeit – in durchschnittlichem Rahmen.
- Typ C: Die Arbeitsaufgaben dieses Typs sind durch eine überdurchschnittliche Komplexität und einen überdurchschnittlichen Grad an Neuartigkeit geprägt. Ihr Schwierigkeitsgrad ist hoch und es wird ein hohes Maß an Kenntnissen und Erfahrungen benötigt. In der Regel als Folge äußerer Umstände sind ihre Spielräme zur Gestaltung der Arbeit (Autonomie) eher begrenzt. Typische Vertreter dieses Typs sind Mitarbeiter in Laboren oder anderen Forschungseinrichtungen.
- Typ D: Diese Gruppe kennzeichnet Personen, deren Aufgaben extrem komplex sind und einen hohen Grad an Neurartigkeit aufweisen. Ihre Arbeit gestalten diese Personen fast vollständig autonom. An Wissen und Erfahrung werden extrem hohe Anforderungen gestellt. Typische Beispiele sind Berater und Wissenschaftler.
Quelle: Dieter Spath (Hrsg.), Jörg Kelter, Stefan Rief, Wilhelm Bauer, Udo-Ernst Haner, OFFICE21®-STUDIE, INFORMATION WORK 2009, Über die Potenziale von Informations- und Kommikationstechnologien bei Büro- und Wissensarbeit, Fraunhofer IAO, Stuttgart
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Aus: "Büro der Zukunft - Produktivitätsreserven und Entwicklungspotentiale", Vortrag von Prof. Dr. Peter Kern, Mitglied des Direktoriums im Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), anlässlich der Fachkonferenz Büro (Neue Kultur der Arbeit) des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) am 9.06.09 in Köln





